Seideinerzeitvoraus.
WienerModerne2018

Text:Bernadette Reinhold

Egon Schiele –
Körperbilder im Spiegel
des „unrettbaren Ichs“

Kunstexpertin

Der Expressionist Egon Schiele (1890-1918) ist einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne und zählt neben Gustav Klimt zu den populärsten Künstlern überhaupt. Zugleich aber irritiert und provoziert seine Kunst und ruft hundert Jahre nach seinem Tod immer noch die Zensur auf den Plan.

Grund dafür sind seine Aktdarstellungen, die einen wichtigen Teil seines Œuvres ausmachen. Zumeist sind es Zeichnungen nach dem weiblichen Modell. Doch auffällig oft – und in der Kunstgeschichte fast singulär – stellt sich der Künstler als „Selbstakt“ ins Zentrum. Es ist ein Angriff auf gängige Schönheitsideale, wobei vor allem die schonungslos gezeigte Nacktheit und Geschlechtlichkeit irritieren. Alles sperrt sich gegen das Empfinden von Sinnlichkeit und Erotik. Im Gegenteil: Die mageren, ausgemergelten Figuren sind oft in verkrampften Positionen, teilweise fragmentiert ins Bild gesetzt. Ihr Blick ist entweder demonstrativ abgewandt, finster-verzweifelt oder provokant auf den Betrachter geheftet. Kurz: Man entkommt ihrer unbehaglichen Körperpräsenz nicht. Die Mechanismen von Voyeurismus und Pornografie, die man (immer noch) Schiele vorwirft, greifen nicht.

Hockender weiblicher Akt, 1910 © Leopold Museum, Wien

Liegende Entblößte. Studie zu „Liegende Frau”, 1916 © Leopold Museum, Wien

Liegende Entblößte Studie zu “liegende Frau”

Seine Kunst visualisiert die massiven Spannungen seiner Zeit. Das Wien um 1900 ist ein Zentrum der Innovation in Wissenschaft und Technik, doch zugleich die Hauptstadt des in Krise geratenen habsburgischen Vielvölkerstaats. Es wird zum Nährboden für Nationalismus und letztlich Hitlers Rassenwahn. Die Gesellschaftsstruktur verändert sich und die Geschlechterrollen geraten ins Wanken. Das signalisiert Emanzipation, ruft aber auch große Verunsicherung hervor. Eine restriktive Sexual- und Doppelmoral ist die Folge, die sowohl in Sigmund Freuds Psychoanalyse, als auch in den Dramen Arthur Schnitzlers behandelt wird. Die Krise des Individuums wird greifbar und wird – zurückgehend auf den Wiener Physiker und Philosophen Ernst Mach – mit dem Begriff des „unrettbaren Ich“ zum Schlagwort.

Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910 © Leopold Museum, Wien

Schiele steht als Mensch, Mann und Künstler an den Schnitt- und Bruchstellen all dessen. Der nackte, von verschleiernder Allegorie befreite, oder besser: bloßgestellte Körper wird zum Ausdrucksträger unterdrückter Emotionen. Eros und Thanatos, die Gegenwärtigkeit des Todes, sind dabei beständige Themen. Er beschäftigte sich mit Okkultismus und sucht Vorbilder für ein neues, wahrhaftiges Körperbild, wobei Gebärde, Geste und Mimik eine entscheidende Rolle spielen. Impulse erhält er durch charismatische Pionierinnen des modernen, freien Tanzes und außereuropäische Theaterformen. Vermittelt durch befreundete Ärzte befasst er sich mit der neuen Röntgentechnologie und macht in der Wiener Frauenklink Studien von Schwangeren und Neugeborenen. Das war ebenso ein Tabubruch wie sein Interesse für die Körpersprache psychisch Kranker. Er zeigt den in seiner Existenz verunsicherten Menschen, am Abgrund, mit eine Fülle von Ängsten. Das provozierte und verstörte vor hundert Jahren – und tut es noch heute.

Gewagte Kunst

Gewagte Kunst

Gewagte Kunst

Gewagte Kunst

Gewagte Kunst

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Egon Schiele

Man kennt Egon Schiele als Ausnahmekünstler und Maler, dessen Werke bis heute noch polarisieren, aber kennen Sie auch seine Gedichte? Sie fragen sich, was ihn dazu brachte neben der ganzen Malerei auch noch zu schreiben? Fragen Sie ihn doch selbst.